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von Peter Gesien
Ein Platz zum Verlieben
Noch hat der Winter das Land
im Griff. Obwohl bereits Mitte April, so lässt der Ausblick
aus der Boing 737 der Norwegian Airlines an dem Flug von
Oslo nach Bodö erahnen, dass es ein kalter Trip gen Norden
werden würde: zugefrorene Seen und Flüsse, karge Farben
sowie schneebedeckte Weiten, wohin das Auge auch reicht. Uns
beschleicht ein mulmiges Gefühl. Ob das wohl die richtige
Zeit ist, um nach Norden zu fahren und dort Fische zu
fangen? Aber diese Gedanken sind dann verflogen, als wir
nach 140minütiger Bleifußfuhre von unserem Gastgeber vor uns
eine eigenwillig geschwungene Brückenkonstruktion auftauchen
sehen: die Überfahrt nach Engelöya, der Insel, auf der unser
Zielort Steigen heißt, gelegen im Südwesten. Hier am Ostufer
des riesigen Vestfjordes sind Schnee und Eis weitestgehend
verschwunden, der noch wirksame Einfluss des Golfstroms
macht sich auch hier bemerkbar.
Dennoch ist es die für die
Fischerei der denkbar ungünstigste Moment des Jahres. Die
Wassertemperatur des Oberflächenwassers und zwischen den
recht flachen Schären beträgt nur drei Grad, im Januar noch
lag sie deutlich darüber.
Schnell kommen wir aber auf
andere Gedanken, als wir die relativ neue Anlage, gelegen
auf einem künstlich errichteten Steinwall, vor unseren Augen
erblicken.
Die hell und freundlich
eingerichteten Appartments sind schnell bezogen und alles
Equipment an entsprechende Stellen verstaut. Eine erste
Inspektion der Anlage incl. der Boote lässt uns anerkennend
staunen: Hier passt alles. Die mit 60 PS ausreichend
motorisierten Kasbollen 19-Fuss-Alu-Boote bieten locker
Platz für 3-4 Angler und kommen auch bei entsprechender
Zuladung gut in Gleitfahrt.


Das Revier lässt bitten
Noch am selben Abend, gestärkt
durch die Kochkünste Jürgens Frau Gaby, erkunden wir per
Karte und Computer das umliegende Seegebiet nach
verheißungsvollen Angelplätzen. Wir, das sind die fünf
Irren, die in den nächsten 10 Tagen das Revier um Steigen ob
seiner Wintertauglichkeit testen wollen. Von links nach
rechts: Jürgen, Steffen, Volker, Jan und Peter.
Wenn man Winter hört, denkt
man bei Norwegen sofort an ewige Nacht. Jetzt im April, hat
sich das Blatt schon weitestgehend gewendet, es ist bis halb
elf hell.Bedingt durch den lange Winter, der in den letzten
Wochen jede Menge Kälte mit dem Wind aus Osten Richtung
Vestfjord getrieben hatte, ahnen wir schon, dass in den
flachen Schären momentan nichts zu holen sein würde. Also
konzentrieren wir uns auf die markanten Stellen vor allem in
Richtung Ausfahrt Nord.
In der nebenstehenden Karte habe ich im Nachhinein versucht,
die sich dort befindlichen interessanten Stellen
zusammenzufassen, basierend auf unsere Erfahrungen dieser
zehn gemeinsamen Tage.
Um an die begehrten
Angelstellen zu gelangen, durchfahren wir jeden Morgen eine
wunderschöne Schärenwelt, gesäumt von einer gewaltigen
Felsenkulisse, deren Silhouette eine auffallende Ähnlichkeit
zu einem großen Feldherrn in der europäischen Geschichte
hat. Die Norweger haben ihr diesen Namen verpasst. Im
Hintergrund leuchten in lichter Entfernung von ca. 60 km die
schneebedeckten Gipfel der Lofoten, die wie eine Perlenkette
am Horizont ausgestreckt daliegen.
Eine stets sichere Bank ist
Boebakkan. Auffallend gute Dorsche bis 14 Kilogramm bringt
vor allem das nicht weit entfernte Unterwasserplateau. Hier
stehen fast immer dichte Schwärme kleiner Seelachse und
darunter lauern die Großen. Hier kommt mal wieder Jürgens
Theorie, der sonst nur laut eigener Auskunft am liebsten ein
Sommerangler ist und nicht tiefer als 19 m fischt, zum
Tragen: "Großer Köder- großer Fisch!" Mit einem 500gr.
Leuchtpilker für den 35 m Berg völlig überdimensioniert,
führt er uns lehrbuchhaft in die Skreifischerei ein. Oder
ist es einfach nur Dusel?
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Sein trockener Kommentar in
diesem Moment: "Noch irgendwelche Fragen, Jungs?" Steffen
und ich gucken uns verdutzt an. Nebenbei bemerkt knallt ihm
auf Boebakkan dieser Tage noch so einer diesen Kalibers ins
Geschirr, welches er infolge dessen mit einem Ruck los wird.
Der an vielen Stellen felsige Untergrund beherbergt darüber
hinaus auch einiges an Steinbeißern. Einer Gruppe aus der
Ukraine gelingt es während unseres Aufenthaltes, einen
Nachmittag gleich drei Exemplare mit dem Pilker auf die
Seite zu legen. Nur mir selbst bleibt es dieser Tage
vergönnt, Kontakt zu einem Stonie gehabt zu haben.
Nicht weit von dieser Stelle,
vorbei an der auf einer vorgelagerten Schärenkette gelegenen
legendären Batterie Dietl, einer deutschen Geschützstellung,
liegt der Skoggrunnen, der in einer durchschnittlichen
Wassertiefe von 30-50 Metern vorwiegend sandigen Untergrund
aufweist. Hier stellen die zahlreichen Fischer der Region
dem Skrei nach. Die auffällig hell gefärbte Dorschvariante
(auch Barentsee-Dorsch genannt) scheint sich hier zum
Laichen zu versammeln.Anzumerken ist, dass fast nur schlanke
Männchen sich an diesem Platz einzufinden schienen.
Neben den auch hier vielerorts
vertretenen Küstendorschen (die schwarzen Pigmentierungen
auf der Oberfläche sind oft deutlich zu erkennen), treffen
wir auch auf Tangdorsche, deren Färbung teilweise bedingt
durch die gelben Tangwälder eher ins Buttergelb geht. Auch
Schellfische in hervorragender Stückgröße sind hier vermehrt
vorzufinden, scheinen aber eher beißfaul zu sein.
Tief gestapelt
Weiter draußen ändert sich die
Beschaffenheit des Untergrundes. Der Vestfjord verläuft wie
eine tiefe Rinne von Südwest nach Nordost, flankiert von
weiten Teilen Nordlands und im Westen von der Inselgruppe
der Lofoten. 400 Meter und mehr werden zur Mitte hin
erreicht.
Interessant für uns sind
jedoch die Verläufe zwischen 140 und 200 m Wassertiefe.
Durch einheimische Fischer sowie durch Auswertung von
Kartplotter-Logs finden wir schnell ein sich
hufeisenförmig ins tiefere Umgebungswasser erstreckendes
Plateau mit einer durchschnittstiefe von 150 Metern: Den
UER-BERG, wie wir ihn später taufen!

Was hier in puncto Rotbarschen
abgeht, ist kaum zu beschreiben: Abertausende Exemplare der
Spezies sebastes marinus scheinen sich dort in -zig Meter
hohen Wänden zu stapeln. Nur unserer unausgefeilten
Hakentechnik wegen verlieren wir immer wieder Fische. Am
legendären "langen Vorfach" (teilweise fischen wir bis zu 12
Haken gleichzeitig), das mit kleinen Köhlerfetzen bestückt
ist, werden so manche fuhren mit fünf, manchmal mit bis zu
7, 8 Fischen auf einmal nach oben befördert. Hierin sind uns
Volker und Jan zudem auch insofern überlegen, da sie beide
mit einer E-Multi fischen. Steffen neben mir dagegen macht
alles mit seiner neuen Avet MX, spielend leicht fischt er -
gepaart mit seinem kurzen japanischen Wunderstecken, der für
diese Art der Angelei wie gemacht scheint. So haben wir es
zu viert so manchen Tag auf fast 100 Rotbarsche gebracht,
darunter Kaliber von 52cm und bestimmt drei Kilogramm.
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Und dann zeigt sich wieder
einmal, wozu das lange Vorfach noch so in der Lage ist. Es
schnappt nach allem, was da unten bzw. auf dem weg dort hin
vorbeischwimmt. In diesem Fall sind es Goldlachse, und nicht
nur vereinzelte. Manche Fuhre befördert gleich drei von
ihnen nach oben. Nicht nur als Köderfisch auf große Lumbs
und Lengs taugt er was, sondern auch geräuchert, wie Jan
später zu Hause feststellen wird, ist er eine absolute
Delikatesse.
Volker macht den Test und
lässt mit Goldlachs beköderte Naturködermontagen auf 200
Meter ab, dort hat der Grund nicht weit von der
Rotbarschstelle auf eher sandig bis schlammig gewechselt.
Innerhalb einer Stunde zeigt er dann allen mal wieder, warum
er zurecht als einer der absoluten Spezies der Tiefe bei uns
in der Anglerszene gehört: Drei wirklich feiste Lumbs können
den feinen Filets nicht widerstehen. Nicht zu vergleichen
mit den kleinen, nervigen 0815-Vertretern, die man hier fast
überall als störenden Beifang quittieren muss. 8, 9 und 10
Kilogramm, das sind schon Fische, die sich sehen lassen
können. Nebenbei testen wir neue Waffen aus Volkers
Schmiede, die glattweg ihre Fängigkeit unter Beweis stellen.
Terrassendorsch - eine
eigenwillige Spezies
Abends dann, nachdem wir uns
wieder eins ums andere Mal von den Kochkünsten Jürgens Frau
Gaby überzeugen können, wird wieder eine Rute mit einer
einfachen Seitenarmmontage, beködert mit Wattwurm, von der
Terrasse aus ausgebracht. Während wir es uns im Haus bei
Bier und polnischem Goldblatt gut gehen lassen, hämmern die
ersten Flachwasserdorsche auf die Rute. Selbst bei Ebbe
durchschleichen Sie das vielleicht nur drei Meter tiefe
Wasser nach Fressbarem. Wattwürmer können hier im Übrigen
nach Herzenslust in den flachfallenden Buchten rings um die
Insel gegraben werden, eine Grabegabel steht dafür bereit.
Auf die Art und Weise kommt man auch zu seinem Fisch, und
die Stückgewichte sind auch nicht zu verachten.
Augen auf in jeder Hinsicht
Das sichere Navigieren durch
die Schärenlandschaft erfordert die erhöhte Aufmerksamkeit
des Bootsführers. Eine Vielzahl von Untiefen lauern wie
unsichtbare Gefahren. Deshalb ist es ratsam, unbedingt den
Anweisungen der Anlagenbesitzer Folge zu leisten und nur die
auf den Seekarten und auf den Plotts erkennbaren Passagen zu
nehmen. Belohnt werden wir bei unserer Ausfahrt jeden Morgen
mit der reichlichen Beobachtung von Seeadlern. Gleich
mehrere erheben sich fast gleichzeitig von ihren
angestammten Felsen, um Beute zu machen, wenn wir unsere
Fischabfälle draußen entsorgen.

Flatoy
Ein wenig abseits der
beschriebenen Spots liegt Flatoy, der aber dennoch ein nicht
zu verachtender Platz ist. Um hierhin zu gelangen, nimmt man
am besten die Ausfahrt West. Hier gelang Steffen am letzten
Tag eine bemerkenswerte Doublette (Dorsch 14kg, Seelachs
10kg). Es war der einzige herausragende Seelachs dieser
Tour. Schon am Tag unserer Anreise hatte er hier einen
großen Dorsch des gleichen Kalibers erwischt. Im Sommer soll
es laut Jürgens Auskunft hier auch an Schellfischen wimmeln.
An der Stelle seien auch noch die Raritäten erwähnt. Neben
verschiedenen Haiarten zählen Knurrhahn sowie ein kleiner
Seeteufel von Jan zu den Einzelfängen. Unterm Strich sind 14
Fischarten auf unserer Liste.
An Brücken bücken …
...muss man sich, wenn man
versucht, einen 5-Pfund-Dorsch aus fünf Meter Tiefe nach
oben zu befördern. Niemand hatte an die Landung eines
etwaigen Fisches gedacht, als wir am letzten Tag mit dem
Ziel der Erkundung von Uferangelstellen als Alternativen bei
schlechtem Wetter die die Insel Engelöya mit dem Festland
verbindende Brücke betreten. Schon nach dem fünften Wurf
krümmt sich Steffens Rute, der Fisch hat einen mittleren
Gummi mit 50 g- Kopf genommen. Gleiches versucht auch Jan
und hat bald darauf genauso Glück. Beim Testen mit
Nachläufermontage, beködert mit Wattwurm, knallt bei mir
ebenfalls ein guter Küchendorsch in die Rute. Und
Plattfische? Fehlanzeige! Unsere Vermutung: zu kaltes
Wasser, die haben sich weiter ins Tiefe verkrümelt.

Fazit:
Wir haben eine vom Wetter -
wie sicher auch die Bilder belegen - wunderbare Woche
erlebt. Jeden Tag konnten wir fischen. Die Synthese der
Leute untereinander hat prima gepasst und mit Blick aufs
Drumherum kann man nur sagen: Daumen hoch und Danke! Das
Revier um Steigen bietet anglerische Möglichkeiten, die sich
zu jeder Jahreszeit realisieren lassen. Das Winterfischen
ist stark im Kommen. Schon im November wird sich zeigen,
welche Potenzen hier noch am Grunde herum schwimmen. Dann
gibt's in Steigen Sjöhus in Verbindung mit Steigen Havfiske
das erste Heilbutt-Festival mit einer Mischung aus Angeln
und Erlebnis. An der Seite von Berufsfischern geht's per
Langleine auf die ganz Großen. Vielleicht gelingt es zudem
ja auch, so manchen platten Vertreter mit der Angel zu
erbeuten.
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