HELLAND KROSSFJORD - KREUZ DES SÜDENS
 

Volker Dapoz' erster Trip nach Helland am Crossfjord (die zweite „Großleng-Tour“ folgte dann im Frühjahr 2003 und hier nachgelesen werden):

Um das mal ganz klar auf den Punkt zu bringen, ich habe noch nicht mal auf den Lofoten so viele und so große Lumbs gefangen, wie im hinteren Ausläufer des Stavangerfjordes – dem Crossfjord. Auch Hitra sieht im Vergleich zum Crossfjord ziemlich blaß aus; auf jeden Hitra-Lumb von 5 Pfund fängt man im Crossfjord einen über zehn! Unser Gastgeber war völlig aus dem Häuschen, er hatte vorher bei seinen meist norwegischen Gästen noch nie eine Multirolle, geschweige denn ein Tiefenecholot gesehen. Und mit diesen Fischen war seine etwas provisorische Filetierbank auch komplett überfordert! Lumb filetieren ist ohnehin schon eine Sache für geübte Hände, vom Messerverschleiß gar nicht zu reden! Das alles noch auf einer glatten Edelstahlspüle, wenn sich Kopf und Schwanz hüben und drüben selbstständig machen...! Sigve Helland hat uns jedenfalls versprochen, dass sich die Angelegenheit mit der Filetierbank hundertprozentig ändern wird.

Der Crossfjord bildet die Kreuzung zwischen Vindafjord im Osten, Sandeidfjord im Norden und Yrkefjord im Westen und reicht über einen Sund bis südlich zum bekannten Nedstrandfjord. Ich würde die Lumbvorkommen schon deshalb als legendär bezeichnen, weil der große Stavanger- bzw. Boknafjord ansonsten recht wenig dieser schmackhaften Tiefseekämpfer hergibt. Wie ist das zu erklären? Der Lumb findet hier Bedingungen, die sonst erst weiter nördlich in Norwegen anzutreffen sind. Tiefes, salzhaltiges Wasser und vor allem im südlichen Übergang zum Nedstrandfjord eine wechselnde Sundströmung – wie er sie mag. An manchen Tagen fingen wir 5 Lumbs von über 10 bis ca. 16 Pfund pro Boot und die kleineren wogen immer noch 3 Kilogramm. Überaus erstaunlich auch, dass die Fische nahezu keine dieser unangenehmen Würmer im Bauchfleisch hatten. Für dieses feste, leicht rosa gefärbte Filet lasse ich jeden Leng oder Dorsch links liegen. Die Sache hatte nur einen Haken! Eigentlich waren wir auf der Jagd nach Großleng und Seeteufel in dieses Gebiet gekommen, doch die Lumbs waren einfach schneller!

In der ESOX-Redaktion waren in den Monaten zuvor häufig Fangmeldungen aus genau dieser Region eingetroffen; hervorragende Lengfänge, große Dornhaie (>20Pfund), ja sogar Heilbutts waren dokumentiert. Recherchen in Norwegen ergaben noch mehr! Den Berufsfischern waren in den letzten zwei Jahren sogar Gotteslachs und Mondfisch in die Netze gegangen und ein norwegischer Angler aus Haugesund hat im vergangenen Jahr, neben weiteren, einen Eishai von 400 kg (!) erbeutet, wie die regionale Presse berichtete. Das muß Gründe haben! Da die Fjordgegend von Egersund aus schnell zu erreichen ist, fiel unsere Wahl für eine Erkundungstour auf Helland. Helland hat den optimalsten Ausgangspunkt für alle angrenzenden Fjorde.

Unser Ankunftstag im letzten November, ging trotz der geschützten Fjordlage im Sturmregen unter. Tropfnaß standen wir im kaminbeheiztem Wohnzimmer unseres Ferienhauses und ließen uns von unserem freundlichem Gastgeber Sigve Helland alles erklären. Noch während wir die üblichen Sachen wie Gefriermöglichkeiten, besondere Fänge der Fischer und Fangplätze besprachen zeigte er durch das Fenster nach unten, wo ein kleiner roter Kutter den windgepeitschten Fjord kreuzte: „Ein Bekannter von mir! Er fischt nur noch zum Zuverdienst für seine Rente. Im Moment fängt er Seeteufel in 200 bis 300 Meter Tiefe!, erklärt er uns in leicht verständlichem Englisch und ergänzt: „Bis 30 kg!“

Bis 30 kg?! Gerade hatten wir uns damit abgefunden, den Tag am Kamin zu verbringen, aber solche Seeteufel und dazu noch direkt vor der Nase! Ich hatte meine Jacke und den Bootsschlüssel schon in der Hand, aber dann ließ ich mich überzeugen, denn Angelwetter war das wirklich nicht. Petrus sei Dank war der nächste Tag mit ruhigem Spätherbstwetter gesegnet und wir konnten eine perfekte Erkundungsfahrt machen. Wir waren begeistert! Direkt vor dem kleinen geschützten Bootshafen zog sich ein flaches Plateau (10 bis 40 Meter Tiefe) bis weit hinaus in den Sund. Spielwiese für Makrelen und wegen der Durchsetzung mit Sand auch für Plattfische. Ständig patroullierten Seelachsschwärme, tagsüber am Rand des Plateaus, morgens und abends kamen sie bis auf Wurfweite an die Anlage heran. Wo der Futterfisch ist, ist der Jäger bekanntermaßen nicht weit und deshalb fingen wir auf und am Plateau von Anfang an gut, obwohl uns das Revier ansonsten völlig unbekannt war. Das ist immer gut für die Motivation und was noch wichtiger ist, man entwickelt dabei wieder das richtige Gefühl für den Fisch! Einangeln nenne ich das immer, sonst kriegt man den Unterschied zwischen Hängern und vorsichtigen Bissen beim Naturköderangeln gar nicht richtig mit. Die Pilker blieben dann auch bald in den Kisten und wir vergrößerten die Spirale um das Plateau. Tiefseeangeln wie gehabt, mit Fetzen von Makrele und Seelachs, angeboten am 80er bis 100er stabilen Vorfach auf 7/0er bis 14/0er Haken. Und genau! Obwohl wir bei 90 m schon den einen oder anderen Großfischkontakt hatten, kamen die Dicken erst ab 120 m. Ab 140 m Tiefe war praktisch jeder Lumb zweistellig und die erwachsenen Lengs ließen auch nicht länger auf sich warten. Die ganz großen blieben zwar aus, aber 23 Pfund ist ja auch nicht ganz so schlecht. Eine Tiefendrift auf 350 m brachte sogar einen gut meterlangen Blauleng herauf. Dazu gesellten sich Dornhaie ( 2 bis 3 kg), die den ganzen Winter über häufig anzutreffen sind und handliche Rotbarsche. Natürlich der kleine sebastes marinus, der war aber mit 200 bis 500 Gramm auf alle Fälle geeignet für die Räuchertonne. Geht der Untergrund in Schlamm über, beißt außer kleineren Haien gar nichts mehr. Man merkt das sehr gut wenn das Blei nicht aufprallt, sondern beim Schnur geben „weich“ landet und beim Anziehen richtiggehend festgesaugt ist. Sind innerhalb dieser Schlammzonen allerdings Fels- oder Sandplateaus, hat man praktisch eine Fanggarantie.

Klar, manchmal passierte auch ein paar Stunden nichts, aber früher oder später kam dann der Lumbmehrfachdrill im Boot. Wer auf solche Lumbs aus ist, muß sich normalerweise eine Tagesreise weiter nach Norden bemühen. Größer, aber seltener blieben die Lengs, obwohl die Gegend eine ausgesprochenene Lenggegend ist. Aber wie schon erwähnt, der Übergang vom Vindafjord zum Nedstrandfjord hat seine eigene Charakteristik. Selbstverständlich gab es Hotspots, aber im Grunde machten wir die Lumbfänge an so verschiedenen Stellen, dass man nicht von vereinzelten Fangplätzen reden kann. Auch ist der November keine „Lumbtypische“ Jahreszeit, im Regelfall werden die besseren Fänge im Frühjahr nach der Laichzeit gemacht. Es bleibt also vorerst offen, was der Crossfjord für Frühjahrsüberraschungen bereithält. Die Region lässt sich auch zu jeder Jahreszeit auch recht gut beangeln. Während an der Küste von Bergen und Stavanger 8 Windstärken tobten, konnten wir im Schutz der Berge unsere Kreise ziehen. Wichtig ist es, bei wirklich jeder Drift zu prüfen, ob die Bremse nicht zu fest eingestellt ist. Zweimal passierte es mir, dass ich die erste harte Flucht wegen dieser Unachtsamkeit nicht schnell genug parieren konnte und deshalb gute Fische an der 50lbs-Rute verlor. Grund ist meist, dass man bei einem Hänger die Bremse total festzieht und danach vergisst, sie wieder einzustellen. Die Strafe für solche Nachlässigkeiten ist hoch, denn Fische, die mit dem schweren 50lbs-Gerät kurzen Prozeß machen, haben meist ein anderes Kaliber als 15pfündige Lumbs. Glanzpunkt unseres Trips war übrigens mein erster Grenadierfisch, der im norwegischen „Eis-Eber“ genannt wird.

An Besonderheiten fiel vor allem die stark wechselnde Strömung auf. Obwohl der Fjord nicht als Sund geführt wird, hat er doch diese Eigenschaft der Meeresengen. Vormittag strömte das Wasser mit eins, zwei Seemeilen von links nach rechts und am Nachmittag in die entgegengesetzte Richtung, je nach Gezeiten und Wind.

Alles Gute ist bekanntlich nie beisammen! Unsere Jagd auf den Seeteufel blieb unbelohnt, obwohl wir die angegebenen Fangplätze mit unterschiedlichsten Techniken rasterförmig beangelt haben und die Ferienhäuser liegen leider auch einige hundert Meter vom Bootsplatz entfernt. Aber das nehmen wir in Kauf, denn die Ferienhäuser sind die einzigen weit und breit und während unserer Erkundungstour waren wir die einzigen Angelboote im Fjord. Wir sind uns darin einig, dass wir die Geheimnisse des Crossfjordes nur angekratzt haben, deshalb sind wir bald wieder dabei, denn mit den Ureinwohnern des Crossfjordes haben wir noch mehr als eine Rechnung offen...

Zurück zur Übersicht!